LESEPROBE  VERSCHWÖRUNG

TEIL 3 der CONFLUENTES-TRILOGIE

 

Euch, die Ihr schweigt  im Schattenland,

unbeachtet, unerkannt.

Und Menschen in höchster Not

entgegenstreckt eure Hand.

Ohne Zögern, ohne Furcht,

auch nicht vor dem Tod.

 

Sagitta Dei
Reduit der Festung Asterstein, Donnerstag, 17. April 2014, am Nachmittag

 

Morten DeLanier fuhr die Serpentinen nach Asterstein hinauf. An der letzten Kurve bog er rechts auf einen beidseits von Bäumen besäumten Weg. Aus dem morgendlichen Frühnebel tauchten die Überreste des Forts auf. Anfang des 19. Jahrhunderts im Schatten der Burg Ehrenbreitstein gebaut, war von der ursprünglichen Festungsanlage nur das Torhaus und das Reduit übrig geblieben.
Das Ziel seiner Fahrt.
Er lenkte das Fahrzeug über die Stelle, wo einst die vorgelagerte Zugbrücke über dem Schutzgraben lag und hielt vor dem Tor an. Auf eine in der Mittelkonsole eingelassene Tastatur tippte er den Code ein, worauf das Tor sich öffnete. Während er die Rampe zum höher gelegenen Innenhof hinauffuhr, schloss es sich lautlos hinter ihm.
Zwölf Fahrzeuge zeigten ihm, dass die anderen bereits da waren. Er parkte den Wagen auf dem einzigen freien Platz direkt vor dem Eingang und stieg aus. Er betrat das Gebäude, schritt über den spärlich beleuchteten mit Granitplatten versehenen Vorraum auf eine Wand zu, die mit einer Stahltür verschlossen war.
Er öffnete sie, stieg eine dahinter verborgene Treppe hinunter. Folgte dem Gang zu einer Holztür, die Zutritt gab zu einem der Magazine, das er zu einem Versammlungsraum umgebaut hatte; öffnete sie und betrat ein Podest. Harrte im Dunkeln. Auf dem tiefer gelegenen Granitboden, umgeben von holzgetäfelten Wänden, standen zwölf Ledersesseln im spärlich beleuchteten Kreis. In den Sesseln saßen Männer, in graue Roben gehüllt. Sie unterhielten sich mit gedämpfter Stimme.
Ein dreizehnter Sessel auf einem Podest war leer. DeLanier ließ die schwere Eichenholztür ins Schloss fallen. Sofort verstummte das Gemurmel, die zwölf erhoben sich. Er schritt durch den Kreis, den Kopf abwechselnd von links nach rechts drehend, um jedem einen kurzen Blick zu gewähren. Hohe Repräsentanten der katholischen Kirche und Mitglieder der Fraternitas Confluentis. Innerhalb der Bruderschaft bildeten sie ein geheimes Bündnis mit dem Namen Sagitta Dei. Er stieg auf den Podest, drehte sich vor dem dreizehnten Sessel um und schaute in die Runde.
Diese Männer sind meine Getreuen, meine Apostel!
Ohne sich hinzusetzen, fing er an zu reden:
»Brüder! Die bestehende Weltordnung ist veraltet, ausgereizt, hinfällig. Ein Paradigmenwechsel ist dringend nötig. Die Zeit ist reif. Wir haben uns verpflichtet, dieses neue Paradigma herbeizuführen. Notfalls mit Gewalt. Deshalb sind wir hier.«
Sein Blick schweifte über die Köpfe der Männer. »Verschwörer werden sie uns nennen. Doch in Wahrheit sind wir die neuen, wahren Kreuzritter, Vorkämpfer für eine neue Weltordnung. Denn wir haben uns verschworen auf ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Vision.«
Meine Vision. Nach einer kurzen Pause, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, fuhr er fort: »Eine Vision, in der die Gläubigen der drei Weltreligionen zusammenströmen in eine weltumspannende Bruderschaft. Eine Gemeinschaft ohne Religion, mit nur einer Lehre. Einer Lehre des Wissens, nicht des Glaubens. Unserer Lehre. Doch dazu müssen wir zuerst die alten Religionen mit ihren Intelligenz verhöhnenden Dogmen auslöschen!«
Er schwieg, beobachtete die Gesichter nach Zeichen von Unmut.
Diese Männer sind mächtig. Jeder von Ihnen hat Millionen Anhänger in der Welt, Millionen Dollar, Euros, Yen auf geheimen Konten.
Ihre Folger würden die Richtung einschlagen, die er, der neue Messias, seinen Aposteln vorgab. Deshalb sollte, nein, musste Einigkeit über die Vorgehensweise herrschen. Er sah sie in den Gesichtern und setzte seine Rede fort. »Ihr habt mich zu eurem Anführer gewählt, wartet auf mein Zeichen. Das Zeichen für den Beginn des größten Umbruchs, den es je in der Weltgeschichte gab. Ich werde euch jetzt meine Vision offenbaren.«
Er richtete den Blick nach oben, spreizte die Arme.
»Drei große Flüsse werden von drei gewaltigen Dämmen daran gehindert, sich zu vereinen. Hinter ihnen stauen sie sich zu Seen, von unüberwindbaren Bergkämmen voneinander getrennt. Doch die Dämme sind alt und brüchig. Risse entstehen, immer kräftigere Rinnsale fließen durch sie hindurch. Im Tal hat sich bereits ein Bach gebildet.« Er hob die Stimme. »Noch halten die Dämme, aber nicht mehr lange. Wir besitzen die Fähigkeit und die Mittel, sie zu sprengen. Dann werden die Flüsse sich mit drei gewaltigen, in die Tiefe stürzenden Wasserfällen zu einem alles mitreißenden Strom vereinen. Confluentes! Ich höre nicht auf, der Welt einzuhämmern, dass vernichtet werden muss, was sich dem Zusammenfließenden in den Weg stellt. Um es mit den Worten des alten Cato Major zu sagen: Cetero censeo quid confluentis obstruat delendum esse.«
Zustimmendes Gemurmel.
»Wäre nicht die Frage folgerichtig, wie es im Römerbrief eins, Vers acht geschrieben steht: Und sollen wir nicht das Böse tun, damit das Gute komme?«
Die Männer nickten, ihre Blicke fest auf ihren Anführer fixiert.
»Es gibt Beweise, die dem christlichen, muslimischen und jüdischen Glauben ihre Grundlagen entreißen. Für die Christen habe ich voriges Jahr einen Beweis selbst herbeigeführt, der andere ist jenes zeitgleich veröffentlichte Evangelium, das Papyrus Schumann. Sie hätten die Kirchenväter mundtot machen, Ihren Lügen strafen sollen. Doch außer dem Rücktritt des Papstes ist nichts passiert. Denn ohne die größtmögliche Katastrophe geschieht gar nichts. So war es schon immer. Deshalb werde ich der Welt die wahre Apokalypse bringen. Damit diejenigen, die immer noch auf eine Fortsetzung der alten Dogmen- und Lügenlehre beharren, für immer schweigen.«
Unruhe. Einer der Männer ergriff das Wort. »Von welcher Apokalypse sprichst du, Morten?«
Jetzt kam der entscheidende Augenblick: die Enthüllung seines Planes.
Erneut ließ er den Blick über die Gesichter gleiten. »Ja, ihr habt richtig gehört, es wird eine Apokalypse geben. Vielleicht nicht so, wie sie der Apostel Johannes beschrieben hat, denn wir leben in einer anderen Zeit!« Ein mildes Lächeln zog über sein Gesicht. »In meiner Predigt am Karfreitag werde ich von der Bestrafung der drei Religionen reden. Und so wird es passieren, zeitgleich. Ein Akt Gottes! Der Beginn des Paradigmenwechsels.«
Er offenbarte ihnen, was er vorhatte. »Wer damit einverstanden ist, erhebe sich«, forderte DeLanier daraufhin die zwölf Männer auf. Wer nicht, wird das Reduit nicht lebend verlassen. Seinen Worten folgte ein Moment des Schweigens; dann erhoben sich alle gleichzeitig.
DeLaniers Mundwinkel verzogen sich zu einem zufriedenen Grinsen. Seine Vision war nicht mehr aufzuhalten. Die Zeit war gekommen, die Welt zu richten.