Text aus GENESIS, ein historischer Thriller, TEIL EINS der CONFLUENTES-TRILOGIE.
Die Geschichte spielt im Jahr 1281.
Im ersten Abschnitt wird Wilhelm von Bolanden, der Held der Geschichte, als Gefangener vom Inquisitor Kardinal Da Lucca nach Rom in die Lateranbasilika gebracht:
Die untergehende Sonne hing tief über dem Horizont, als das Fuhrwerk auf der Piazza vor der Lateranbasilika anhielt.
Auf ein Handzeichen da Luccas stieg Wilhelm aus. Vor ihm stand ein dunkles Gebäude mit fünf aus der Mauer vorspringenden Konchen, die bis zum obersten Geschoss reichten. Mit diesen halbrunden
Mauervorspüngen glich der Bau eher einer Festung mit Wehrtürmen. An seinem Ende ragte quer dazu das Längsschiff einer gewaltigen Kirche in den Abendhimmel.
»Schaut gut hin, Herr von Bolanden. Das ist die Lateranbasilika. Mater et caput, Mutter und Haupt aller Kirchen Roms und der Erde. Ihr solltet mir dankbar sein, sie einmal in Eurem Leben gesehen
zu haben!«
Wilhelm ging nicht auf da Luccas Äußerung ein. Ein Geräusch ließ sein Blick zurück zum Palast schwenken. Die schwere Eingangstür zum Palast öffnete sich, eine Ordensschwester im schwarzen Habit
des Benediktinerordens trat heraus. Sie hob den Kopf, ihre Finger schoben den Schleier zur Seite, um einen besseren Blick auf die Ankömmlinge zu werfen. Dann erstarrte sie, senkte den Kopf und
eilte über den Platz. Keiner der Soldaten schien sie bemerkt zu haben. Wilhelm sah ihr nach, bis sie durch das Portal des Querschiffs in der Basilika verschwand.
Er hörte ein Rascheln neben sich und drehte den Kopf. Da Lucca war ausgestiegen, seine Augen starrten an Wilhelm vorbei in die gleiche Richtung, in die er selbst geschaut hatte. Dann löste der
Kardinal seinen Blick vom wieder geschlossenen Portal und stieß Wilhelm an.
»Gehen wir!«
Sie betraten den Palast.
Im zweiten Abschnitt spricht der im Laterankerker gefangene Wilhelm mit der Ordensschwester Ariana:
Am nächsten Tag kam niemand, um Wilhelm zu holen. Offenbar wollten sie ihn im Kerker schmoren lassen. Wie lange noch? Bis er den Namen von Manfreds Bruder preisgegeben hätte? Der war Abt der
Basilika Sankt Kastor. Und Priester der Heiligen Kirche! Die Papyrusschriften vermochten es, die Kirche zu gefährden? Falls das stimmte, unterstrich es die Gefahr, welcher der Abt ausgesetzt war,
wenn sein Name bekannt würde.
Der gleichen Gefahr, der ich selbst ausgesetzt bin!
Auch wenn die Schriften verloren schienen, den Namen von Manfreds Bruder würde er nicht verraten. Daran konnte auch der Kerker nichts ändern. Der Tod erst recht nicht.
Der Schein einer Fackel kam den Gang herunter getänzelt.
Die Ordensschwester mit dem Essen. Die einzige Person, die er zu Gesicht bekam.
Wie am Tag zuvor schob sie die Schüssel mit Brei unter dem Gitter durch. Reichte ihm den Wasserkrug.
Er gab ihr Krug und Schüssel des Vorabends zurück.
Sie steckte sie in den Korb, richtete sich auf. Musterte ihn schweigend.
»Schwester?«
Ihre Augen weiteten sich.
»Wollt Ihr mir etwas sagen?«
»Welchem ... Orden gehört Ihr an?«, flüsterte sie.
Mit dieser Frage hatte er am allerwenigsten gerechnet.
»Dem Deutschen Orden.«
»Aber Ihr tragt nicht das weiße Gewand mit schwarzem Kreuz.«
»Das tragen die Ritterbrüder. Ich habe es als junger Mann auch getragen. Wieso fragt Ihr?«
»Ich weiß nicht. Entschuldigt mich bitte.« Sie wendete sich ab.
»Schwester, woher kennt Ihr das Gewand des Deutschen Ordens? Bitte wartet!«
Ohne zu antworten, verschwand sie in der Dunkelheit der Katakomben. Erst nachdem das Licht ihrer Fackel erloschen war, entfernte sich Wilhelm vom Gitter.
Er setzte sich gegen die Wand. Während er aß, dachte er über ihre Worte nach.
»Ihr tragt nicht das weiße Gewand mit schwarzem Kreuz.«
Weshalb hatte sie das gesagt?
Sie ist die Ordensschwester, die aus dem Palast kam. Hat den Schleier zur Seite geschoben, um mich besser zu sehen.
Oder hatte ihr Blick an jenem Abend jemand anderem gegolten? Dem Inquisitor? Auch da Lucca hatte ihr lange nachgesehen. Ein ungewöhnliches Verhalten für einen Mann des Klerus.
Das Gleiche gilt aber für eine Benediktiner-Schwester!
Am dritten Tag kam sie wieder. Ohne ihr tägliches Erscheinen hätte er jedes Zeitgefühl verloren.
Nachdem sie ihm das Essen gereicht hatte, wollte sie gehen.
»Bitte bleibt noch einen Moment, Schwester.« Sie blieb stehen.
»Darf ich diesmal Euch etwas fragen?« Sie nickte.
»Warum habt Ihr gestern nach dem weißen Gewand gefragt?«
Sie nahm sich Zeit mit der Antwort.
»Als ich ein kleines Mädchen war, hat mich ein Ritter des Deutschen Ordens vor der Inquisition gerettet. Vor dem Mann, aus dessen Fuhrwerk Ihr vor drei Tagen gestiegen seid.«
Das kann nicht wahr sein!
»Ihr meint doch nicht den Inquisitor Kardinal da Lucca?«
»Ich kenne seinen Namen nicht, aber ich habe ihn erkannt. Er hat meine Eltern hinrichten lassen. Sie wurden vor meinen Augen gehängt.«
Mein Gott!
»Wie alt wart Ihr damals?«
»Neun Lenze.«
Er schätzte sie auf etwa zwanzig. Das, wovon sie sprach, hatte sich vor etwa elf Jahren ereignet. Damals war er selbst dreizehn Jahre alt gewesen.
»Wie heißt Ihr, Schwester?«
»Ariana.«
Nein, so hieß sie nicht.
»Ist das der Name, den Ihr im Kloster erhieltet?«
»Ja. Er bedeutet ›Die Ausweg Findende‹. Ich wurde nach der heiligen Ariana benannt. Sie war Christin, Sklavin, Märtyrerin und lebte im zweiten Jahrhundert. Sie wurde im Hause Ihres Herrn
Tertullus wegen ihres Glaubens angeklagt und gefoltert, konnte aber entkommen. Daher der Name.«
»Wie habt Ihr vorher geheißen?«
»Eva.«
Eva! Den Namen kannte er. Damals, als er mit seinem Bruder von einem langen Ritt zur Burg zurückkehrte. Heinrich hatte ein Mädchen vor der Inquisition gerettet und sie ins nahe Kloster gebracht.
Konnte es sein, dass ...?
»Was geschah danach? Nachdem Ihr gerettet wurdet?«
»Der Ritter brachte mich in ein Frauenkloster in der Nähe.«
»Wie lautete der Name dieses Klosters?«
»Kloster Hane. Unterhalb der Burg Alt Bolanden.«
Nicht zu glauben, sie ist es!
»Schwester Ariana, ich weiß, wer Euch damals gerettet hat. Es war mein Bruder Heinrich. Ich war dabei.«
Ihre Augen weiteten sich. »Ja, so hieß er. Heinrich von Bolanden.«
»Ich bin Wilhelm von Bolanden. Heinrichs jüngerer Bruder.«
Sie trat nah an das Gitter heran.
»Es ist so lange her, aber sein Gesicht werde ich niemals vergessen. Vor allem nicht seine Augen. Ihr habt die gleichen Augen.«
Sie trat einen Schritt zurück und hob den Korb.
»Ich muss jetzt gehen.«
Wilhelm sah ihr nach. Die Ausweg Findende.
In ihm keimte Hoffnung auf.