Leseprobe: Die Confluentes Genesis

Prolog

 

Rom, Lateranpalast, 20. Juni 1290

 

Kardinaldiakon Benedetto Gaetani, oberste Sonderbeauftragte der päpstlichen Inquisition, schritt in seinem Arbeitsgemach im Lateranpalast auf und ab. Immer wieder richtete er die Augen auf das Pergament, das sich im Licht der Mittagssonne grell gegen das Dunkel des Tisches abzeichnete.

Mit jedem Blick gruben sich die Sorgenfalten tiefer in seine Stirn.

Ein Menetekel?

In letzter Zeit kamen viele bedrohliche Nachrichten aus Palästina. Der Antichrist war auf dem Vormarsch. Er hatte Jerusalem erobert und weite Teile des Landes eingenommen. Jetzt streckte er die Finger nach den letzten Bastionen der Kreuzritter im Norden des Landes aus. Akkon, Tyros und Sidon waren dem Untergang geweiht.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Gedanken.

»Herein!«

Ein hagerer, hochgewachsener Mann mit schwarzem, nach hinten gekämmtem Haar betrat den Raum. Er war gehüllt in einen langen, staubigen Reisemantel.

»Da bist du endlich«, sprach Gaetani, während er dem Eintretenden die rechte Hand entgegenstreckte. Der Mann küsste den Ring am mittleren Finger und nahm den Mantel ab. Der rote Talar eines Kardinals der Inquisition kam darunter zum Vorschein.

Gaetani schloss die Tür. »Ich danke dir, dass du gekommen bist, Salvatore. Nehme bitte Platz.« Er zeigte auf einen der beiden Sessel vor dem großen Kamin.

Der Angesprochene setzte sich. »Sei gegrüßt, Benedetto. Was ist so eilig, dass ich auf der Stelle von Siena nach Rom reisen musste?«

»Tut mir leid, Salvatore, aber es ist wichtig ... sehr wichtig.«

Da Lucca hatte ein lang geplantes Treffen mit dem Bischof von Siena abgesagt, war sofort nach Rom aufgebrochen. Zu Pferd, statt mit dem Fuhrwerk. Er war müde. Doch er kannte seinen Dienstherrn. Wenn er sagte, dass etwas wichtig sei, dann war es das auch. Er harrte gespannt dem, was Gaetani ihm enthüllen würde.

 

Nachdem der Kardinaldiakon aufgehört hatte, zu reden, wartete Da Lucca auf die Anweisungen, die kommen würden.

»Du wirst ins heilige Land reisen, Salvatore. Dort weißt du, was zu tun ist. Enttäusche mich auch diesmal nicht!«

Gaetani stand auf als Zeichen, dass das Gespräch beendet war. Auch Da Lucca erhob sich und zog den Mantel an.

»In Civitavecchia liegt ein Schiff bereit, dich nach Palästina zu bringen. Vierzig Tage sollten reichen. Ende Juli treffen wir uns wieder.«

Als Da Lucca die Tür öffnen wollte, hielt Gaetani ihn zurück. »Ein Letztes noch, Salvatore.« Der Blick des Kardinaldiakons bohrte sich tief in den Inquisitor. »Finde sie und bringe sie her. Stelle sicher, dass dort nichts fortbesteht. Gleichgültig wie.«

Da Lucca erwiderte den Blick. »Gleichgültig wie?«

Gaetani nickte kaum sichtbar. »Die Muslime rücken auf, bald wird die Festung fallen. Dann wird das Unheil zu uns kommen. Und das, mein lieber Salvatore, gilt es unter allen Umständen zu verhindern. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

Da Lucca verstand die Botschaft.

»Du kannst dich auf mich verlassen.«

 

 

Teil 1 – Akkon

 

1.   August 1290

 

Die Luft über dem mächtigen Wachtturm flimmerte. Wilhelm von Bolanden lief der Schweiß über den Rücken. Er hatte den grauen Umhang des Ordensbruders abgelegt und schritt Runde um Runde an der steinernen, mit Schießscharten versehenen Umwehrung entlang. Zu langes Stehen auf dem heißen Steinboden würde ihm trotz Lederstiefel die Füße verbrennen.

Nach der Mittagszeit hatte er die Wache auf dem Turm übernommen und bis zur Vesper musste er ausharren. Am Strand im Hafen planschten mehrere Knaben im Wasser herum. Sobald seine Wache endete, würde er das Gleiche tun.

Er spähte nach Osten. Die Ebene von Akkon lag verlassen in der sengenden Hitze der Mittagssonne. Dort, wo Jahrhunderte lang Armeen der Muslime und Christen die Stadt abwechselnd belagert hatten, bewegten sich nur wenige Händler mit ihren Ochsenwagen. Die Tore der Stadt standen offen, ermöglicht durch den zehnjährigen Nichtangriffspakt zwischen Kreuzfahrern und Mamelucken, an dem beide Parteien sich bisher gehalten hatten.

Ein Schmerz an der Fußsohle unterbrach jäh seine Gedanken. Ohne es zu merken, war er stehen geblieben. Er setzte seine Runde fort, warf einen Blick über die Umwehrung ins muslimische Viertel, das im Norden an die Bastion grenzte. Einige verschleierte Frauen liefen in der Gasse herum.

Er schritt weiter. Vom Kirchplatz im Westen drang Musik zu ihm herauf. Eine Gruppe Männer, Frauen und Kinder saßen dort zusammen und sangen Lieder. Wilhelm kannte sie, oft sang er sogar mit ihnen.

Sein Lächeln erfror, als Gejohle zu ihm aufstieg. Es schien aus der Gasse zu kommen, auf die er soeben hinuntergeschaut hatte. Er ging zurück zu der Stelle an der Mauer, sah hinunter. Kreuzfahrer polterten wankend durch die Gassen, pöbelten die muslimischen Frauen an. Ihre Männer stürmten aus den Häusern, versuchten, die Betrunkenen von den Frauen fernzuhalten.

Da geschah es: Einer der Pöbelnden zog sein Schwert, durchtrennte mit einem Hieb den Hals des Mannes vor ihm. Blut spritzte, gefolgt vom Geschrei. Steine flogen. Die anderen Betrunkenen zogen darauf ebenfalls ihre Schwerter und stürzten sich auf die Männer.

Immer mehr kamen hinzu. Wahllos schlugen sie auf die Menschen ein. Männer und Frauen gingen zu Boden. Bald war die ganze Gasse voll Kämpfender.

Plötzlich bemerkte Wilhelm Kreuzfahrer, die keineswegs den Eindruck machten, betrunken zu sein. Sie beteiligten sich nicht am Kampf, bahnten sich mit gezogenen Schwertern scheinbar gezielt einen Weg am Gemetzel vorbei und verschwanden in einer Seitengasse. Wilhelm rannte die steinernen Stufen des Wehrturms hinunter zum deutschen Haus, riss die Tür auf. »Greift eure Waffen! Draußen werden Muslime von betrunkenen Genuesen gemeuchelt. Einige sind unterwegs zum Kirchplatz!«

Die Deutschritter strömten in die Gassen, folgten der Blutspur, welche die mordende Horde durch das muslimische Viertel zog. An der Seitengasse trennten sie sich. Wilhelm, sein Bruder Heinrich und eine Handvoll Ritter folgten der Gruppe, die dort hinein verschwunden war.

Auf dem Kirchplatz war der Gesang verstummt. Entsetzen.

Überall lagen Leichen von Frauen, Männern und Kindern. Sie hatten keine Zeit gehabt, zu fliehen.

Vor dem Eingang der Kirche lag der Prediger Manfred von Gerbrand in einer Blutlache. Wilhelm kniete sich neben seinen Freund, drehte ihn um, sprach seinen Namen.

Manfred schlug die Augen auf, flüsterte ihm etwas zu. Wilhelm musste den Kopf tief senken, um es zu verstehen. Die Worte kamen stoßweise: »Schrf...tn...nch...Cb...lenz...Lthr...Brdr.u«

 Er fügte etwas hinzu. Wilhelm presste sein Ohr an die Lippen des Sterbenden. »Du...msst...Brdr...schft...weitr...führn... vr...sprchs...mir.« Dann starb er.

»Ich verspreche es dir«, flüsterte er dem Toten zu. Er schloss ihm die Augen und richtete sich auf. Der Kampf war vorbei. Heinrichs Männer hatten ein paar der Angreifer überwältigt und den Anführer gefangen genommen. Sie würden später im deutschen Haus verhört werden.

 

Die Leichen wurden in einem Massengrab beerdigt, der Ordenspriester sprach ein kurzes Gebet.

Mit versteinerter Miene stand Wilhelm vor dem Grab. Die Worte des Priesters hörte er nicht. Ihn beschäftigte nur ein Gedanke: Die betrunkenen Kreuzfahrer hatten den Streit mit den Muslimen angefangen. Doch warum töteten einige von ihnen, scheinbar nüchtern, eine Gruppe von Christen, Muslimen und Juden, die sich friedlich auf dem Kirchplatz abseits des muslimischen Viertels aufhielten?

 

 

2.  Ebene von Akron, 18. Mai 1291

 

Sultan al Ashraf Chalil stand mit seinen drei höchsten Offizieren am Rande des Zeltlagers, außer Reichweite der feindlichen Bogenschützen.

Ist es erst sechs Wochen her, seit mein Vater dieses gewaltige Heer zusammenzog? Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor.

Mit der Hand am Griff des Krummschwertes wandte er sich den drei Männern zu.

»Dreht euch nach Osten. Was seht ihr?«

»Die Ebene von Akkon«, sprach einer von ihnen.

»Und was noch?«

»Das Ende der Nacht?«

»Falsch, Said. Den Beginn eines neuen Tages. Seht euch die Tausende von Zelten an, die mächtigen Katapulte, die Belagerungstürme.« Im Grau des Morgens waren die Kriegsgeräte nur schemenhaft zu erkennen.

»Jetzt dreht euch nach Norden. Was seht ihr?«

»Noch nichts, Chalil. Aber wir wissen, dass dort noch mehr Zelte, Belagerungstürme und Katapulte aufgestellt sind.«

»Richtig. Die unserer Verbündeten: vier syrische Armeen aus Damaskus, Tripolis, Hama und Al Karak.

Jetzt dreht euch nach Westen. Was seht ihr?«

»Akkon«, klang es gleichzeitig aus zwei Kehlen.

»Die wichtigste Hafenstadt des Königreichs Jerusalem. Das Bollwerk der Kreuzfahrer.« Verächtlich spuckte er das letzte Wort aus. »Die meist umkämpfte Festung des Morgenlandes. Sie liegt auf einer Landzunge. Seht Ihr den mächtigen doppelten Verteidigungswall? Vom Meer im Norden bis zum Hafen im Süden schirmt er die Stadt gegen die Landseite ab. Seht ihr, wie der hintere Wall den vorderen überragt? Wie die Gefechtstürme in den nächtlichen Himmel hineinragen? Wirken sie bedrohlich? Auf mich nicht. Ist Akkon eine uneinnehmbare Festung? Für uns nicht.«

Er ließ die Worte einwirken. Dann fuhr er fort: »Seit vierundzwanzig Tagen bestürmen unsere Truppen pausenlos die Festung, ohne sie einnehmen zu können. Aber unsere Angriffe haben die Verteidiger zermürbt, ihre Verteidigungswälle geschwächt. Einige Türme des äußeren Walls sind eingestürzt. Vor drei Tagen haben unsere Männer den Feind am Sankt Antoniustor bereits hinter den inneren Ring zurückgedrängt. Der Anführer der Hospitalritter blies zum Gegenangriff, sie schlugen unsere Männer zurück. Beim nächsten Angriff wird ihnen das nicht mehr gelingen. Denn heute, noch vor Sonnenuntergang, wird Akkon wieder in muslimische Hand sein.«

Seine Augen funkelten. »Hört meinen Plan: Unsere Armeen werden gleichzeitig zuschlagen. Im Norden, wo die Tempelritter kämpfen, haben unsere syrischen Verbündeten aus Hama den äußeren Wall bereits zerstört. Am Lazarustor werden sie den inneren Befestigungsring

der Stadt durchbrechen und durch Montmusard von der Innenseite zum Sankt Antoniustor vorpreschen. Wir, die ägyptischen Armeen, greifen im Osten das Sankt-Antonius-Tor an. Es ist bereits stark geschwächt, wir werden es sprengen und dringen von dort in die Stadt. So nehmen wir den Feind in die Zange.«

Die Offiziere schwiegen. Der Plan war gut.

Chalil wandte sich zwei der Männer zu. »Ihr beide, Achmed und Said, ruft alle Offiziere zusammen im roten Zelt, ich werde gleich zu ihnen sprechen.« Er entließ sie mit einer kurzen Handbewegung.

Jetzt richtete er den Blick auf den verbliebenen Krieger vor ihm.

Er scheint viel zu jung für den Rang eines obersten Offiziers. Dazu ist er stumm. Das konnte er durch Mut und Rücksichtslosigkeit mehr als wettmachen. Die Soldaten respektieren ihn, folgen ihm blind.

Der Offizier stand regungslos da, die Augen auf den Boden gerichtet.

Er trägt ein Geheimnis mit sich.

Chalil kannte es und erachtete die Zeit für gekommen, ihm diese Kenntnis zu offenbaren.

»Omar ibn Hassan al-Raschid, für dich habe ich eine besondere Aufgabe.« Der Krieger hob den Kopf.

»Ich stehe Euch zu diensten, werde jede Aufgabe, die Ihr mir stellt, unter Einsatz meines Lebens vollbringen.« Chalil konnte die nicht gesprochenen Worte aus dem entschlossenen Blick herauslesen.

»Ich weiß, was du mir sagen willst, Omar. Auch ohne dass du sprichst. Denn ich weiß, wer du bist und wo du herkommst.« Der Angesprochene hob die Brauen.

»Kennst du den Namen Hassan-i Sabbah, des Feldherrn, der ›Schêch el-Dschibâl‹ genannt wurde?«

Omars Blick verriet ihm, dass er den Namen noch nie gehört hatte.

»Der Herr der Berge war ein Führer der Ismailiten in Persien, der Herrscher der Burg Alamut. Er gründete einen Orden, der sich rasch ausbreitete: den Orden der Hasschischiyyin.«

Beim letzten Wort flackerten die Augen des Kriegers kurz auf.

Chalil ließ sich nichts anmerken und fuhr fort: »Doch er war nicht der berühmteste Assassine. Das war Raschid al-Din, den die Kreuzfahrer verächtlich den ›Alten vom Berge‹ nannten.«

Beim Hören des gefürchteten Namens blitzten die Augen des Kriegers auf. Khalil genoss kurz den Augenblick, da sein Gegenüber ahnte, wohin der Vortrag führte. Dann sagte er es ihm: »Du bist sein Nachkomme.«

Mit einem Ruck flog der Kopf des Jünglings hoch, sein Körper spannte sich wie eine Raubkatze.

Er weiß es!

Chalil sprach weiter, als hätte er Omars innere Aufregung nicht bemerkt. »Die Organisation der Assassinen wurde zur Bedrohung für Sultan Baibars, der sie verbot. Doch sie existiert weiter im Verborgenen, nicht wahr?«

Der junge Mann öffnete den Mund, als wollte er antworten, doch Chalil hob die Hand. »Keine Sorge Omar, ich respektiere diesen Orden und seine Ziele.«

Der Körper entspannte sich, doch die Augen blieben auf ihn gerichtet.

»Ich habe einen wichtigen Auftrag für dich. Höre jetzt zu, was ich dir zu sagen habe.«

 

Chalil schaute ihm nach, während der Krieger in Richtung des großen Zeltes verschwand. Nachdem er herausgefunden hatte, dass sein jüngster Offizier zum verbotenen Orden der Assassinen gehörte, hatte er ihn in seinen engsten Kreis aufgenommen und gefördert. Mit einer klaren Absicht: So jemand könnte von unschätzbarem Wert sein, um seine Position gegen fremde Machtansprüche zu sichern.

Er dachte an den Anlass für die Mission, die er ihm mit auf den Weg gegeben hatte. In letzter Zeit geschahen merkwürdige Dinge: Vor einigen Wochen war ein Gesandter der großen Kirche aus Rom mit einem Ersuchen an ihn herangetreten. Es ging um eine bestimmte Gruppe Menschen in Akkon und um geheimnisvolle Schriften im Haus der teutonischen Ritter. Sie mussten um jeden Preis sichergestellt werden. Gegen Aushändigung dieser Schriften versprach er ihm Geld. Sehr viel Geld. Er hatte sich gewundert, was an ihnen so wichtig wäre, dass die Kirche sogar dem Feind für ihren Erhalt so viel zahlen wollte? Doch es interessierte ihn nicht weiter, er benötigte Geld, um seine Armee zu bezahlen. Gleichgültig, wo es herkam. Also würde er die Schriften finden und sie dem Feind übergeben.

Er warf einen letzten verheißungsvollen Blick auf die Stadt. »Für dich, Vater, und den Islam werde ich diese Barbaren endgültig zerstören. Inschallah.«

 

Im Dihliz, dem roten Zelt des Hauptquartiers, redeten die Offiziere aufgeregt durcheinander. Plötzlich verstummten sie, drehten die Köpfe zum Eingang. Khalil betrat das Dihliz und bestieg das Podest, das am Kopf des Zeltes aufgebaut war.

Alle Blicke richteten sich auf ihn, den jungen Sultan, der das Heer von seinem Vater, der vor einem halben Jahr verstorben war, übernommen hatte.

Chalil sah den Zweifel in vielen der Blicke. Diese Männer wussten, dass sein Vater ihm den älteren Bruder Ass Salih-Ali vorgezogen hatte. Doch Salih-Ali starb vor drei Jahren. Nur er, Al-Ashraf Khalil, blieb als Nachfolger des Sultans des ägyptischen Stammes der Mamluken übrig. Nach dem Tod seines Vaters blieb das Misstrauen gegen ihn. Er würde es beseitigen, den endgültigen Respekt seiner Soldaten gewinnen, um als Heeresführer in den kommenden Kriegen Unsterblichkeit zu erlangen.

Dazu musste er Akkon erobern.

Er sah in die Gesichter der vier Männer, die direkt vor ihm standen. Die Anführer der syrischen Armeen: Hossam ad-Din Lajin aus Damaskus, Taqai ad-Din aus Hama, Saif ad-Din Bilban aus Tripolis und Baibars al-Dewadar aus Al Karak. Sie waren die Wichtigsten, die es zu überzeugen galt.

Seine Rede würde den Anfang machen.

Er ließ den Blick über die Männer im Zelt gleiten. »Offiziere des Heeres der Mamluken, der siegreichsten Armee der islamischen Welt! Seit sechs Wochen kämpft ihr und habt die feindlichen Bastionen schwer geschwächt. Eure Krieger waren tapfer, unseres Stammes würdig. Die Zeit ist jetzt gekommen für den entscheidenden Angriff! Doch zuerst sage ich euch, weshalb wir siegen müssen und siegen werden.«

Er ließ den Blick langsam zu beiden Seiten des Zeltes wandern, immer wieder den Kontakt zu den Augen der vier Männer vor ihm suchend.

Dann fuhr er fort: »Als Akron noch eine muslimische Stadt war, lebten die Menschen in Eintracht und Frieden. Bis die Kreuzfahrer kamen. Zuerst das Heer des Königs Balduin von Jerusalem. Sein erster Angriff scheiterte noch. Beim zweiten Versuch mithilfe der genuesischen Flotte, war die Übermacht zu groß! Der Statthalter El-Dschuhuyschi übergab die Stadt unter der Bedingung, dass alle Bewohner mitsamt ihrem Hab und Gut freies Geleit erhielten.«

Chalil unterdrückte den Zorn, als er daran dachte, was danach geschah.

Ich darf keine Emotionen zeigen. Noch nicht.

»Als sie die Kostbarkeiten sahen, welche die Bewohner beim Verlassen der Stadt mit sich schleppten, fingen die Christenhunde an zu plündern. Zu morden. Tausende Muslime wurden erbarmungslos abgeschlachtet, Männer, Frauen und Kinder.«

Er hielt inne, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

»Erst Sultan Saladin gelange es, den Kreuzfahrern in der Schlacht bei Hatten eine verheerende Niederlage zuzufügen und Akron zurück zu erobern.« 

Die Männer hörten ihm jetzt gebannt zu. Alle kannten die Legenden um den berühmten Saladin.

»Doch die Christen versuchten es erneut. Vier Jahre lang wehrten unsere muslimischen Brüder die Angriffe der Kreuzfahrer ab, während Saladin die Belagerer attackierte. Dann kam Richard Löwenherz.«

Beim Hören dieses Namens ging ein Raunen durch die Reihen der Männer. Jeder hatte von dem gefürchteten König der Engländer und seinen Heldentaten gehört.

»Nachdem es Saladin nicht gelang, die Belagerungslinien zu durchbrechen, kapitulierten unsere Brüder schließlich. Sie wurden gefangen genommen, ein Gefangenenaustausch wurde vereinbart.«

Er erhob die Stimme. »Löwenherz brach den Pakt und ließ die Gefangenen umbringen. Wieder starben Tausende Muslime!«

Jetzt tobten die Männer,  streckten wutentbrannt ihre Schwerter in die Luft. Chalil hob die Hand, sofort kehrte Ruhe ein.

»Doch das war noch nicht das Ende der Gräueltaten der Kreuzfahrer! Der Frieden hielt nicht lange. Die Kreuzfahrer eroberten immer mehr Gebiete, vertrieben unsere Brüder. Doch wir schlugen zurück. Sultan Baubars eroberte die letzte große Festung der teutonischen Ritter – die Burg Montfort – und ließ sie unversehrt ihre Burg verlassen.
Ein großer Fehler: Man darf Kreuzfahrer nicht am Leben lassen!«

Die vier Heeresführer vor ihm nickten.

Zeit für die Gegenwart.

»Im letzten Jahr haben Kreuzfahrer in Akron ein Blutbad unter unseren muslimischen Brüdern und Schwestern angerichtet. Mein Vater Sultan Qalawun verlangte die Auslieferung der Täter, dazu eine Entschädigung von dreißigtausend venezianischen Zechinen.«

Er rechnete nicht damit, dass seine Forderungen erfüllt würden. Er benötigte nur einen Anlass, vorzeitig den zehnjährigen Nicht-Angriffspakt zu brechen.

»Die Stadträte haben seine Forderungen schroff abgelehnt und die Täter ziehen lassen. Daraufhin entschied mein Vater, die Stadt anzugreifen.«

Er sah ein letztes Mal in die Runde der Männer.

Dann schrie er: »Die verdammten Christen für alle Ewigkeit zu vertreiben, das war der Schwur meines Vaters,  Sultan Saif ad-Din Qalawum al-Alfi al-Mansur!«

Beschwörend hob er beide Arme. »Auch ich, Sultan Al-Malik al-Ashraf Saleh ad-Din Chalil, habe am Sterbebett meines Vaters geschworen, das Land endgültig von den Kreuzfahrern zu befreien!«

Er zog sein Krummschwert, richtete es auf die Umrisse der Festung, die durch die Öffnung des Zeltes hindurch in der Ferne sichtbar wurden.

»Wir werden Akkons Mauern zum Einsturz bringen und das verfluchte Königreich Jerusalem zum Islam zurückführen. Heute werden wir siegen! Rächt die Ermordeten, kämpft für den Islam, kämpft für Allah! Es wird keine Überlebenden geben, tötet sie alle! Allahu Akbar!«

Die Männer tobten, schrien seine Worte »Tod den Kreuzfahrer, ALLAHU AKBAR!!«

Dann geschah es. Zuerst zögernd: »Al-Ashraf!, Al-Ashraf!« Dann lauter, bis alle brüllten: »AL-ASHRAF!, AL-ASHRAF!«

Ich habe es geschafft. Meine Offiziere stehen jetzt hinter mir. Sie werden für mich kämpfen, für mich sterben, für mich siegen!

 

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne schossen wie Pfeile durch die Nebelschwaden, trafen die Festungsmauern der Kreuzritterbastion und färbten sie blutrot.

Der letzte Angriff auf Akkon begann.

 

 

3.  Sankt-Antonius-Tor

 

Der Wächter auf dem König-Hugo-Turm spähte in die Nacht hinein, auf der Suche nach einer Bewegung des feindlichen Heeres. Die ganze Nacht hatte sich nichts gerührt. Eine Unheil verkündende Stille hing über dem Land.

Als erster Bote des Morgens erschien ein hauchdünnes rotes Band über den Kämmen der Berge im Osten. Es wurde langsam breiter und heller und vertrieb  das Dunkel aus der Ebene von Akron.

Während der Schatten der Nacht zurückwich, kroch ein zweites rotes Band am Fuße der Hügel hervor. Es dehnte sich allmählich über die gesamte Ebene aus. Bewegte sich, seitwärts windend wie eine angreifende Sandviper, dunkelrot drohend auf die Festung zu.

Die übermächtige Armee der Mamluken setzte zum letzten, tödlichen Angriff an.

Der Wächter griff sein Horn und blies das Alarmsignal.